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Gartenglück in Geld aufwiegen

Wie viel ist dir dein Garten wert? Welches unmoralische Angebot müsste man dir machen, dass du deinen Garten räumst? Eine fast philosophische Frage.

Stell dir vor, du müsstest zwangsweise deinen Garten hergeben. Und es würde dir der, der dich von der Scholle treibt, eine Entschädigung dafür bezahlen müssen. Was für eine Summe würdest du ansetzen? Und vor allem: Woran würdest du diese festmachen?

Am liebevoll hergerichteten Gartenhäuschen? Am Zaun, am Wegebelag aus Granit? An den Bäumen? Oder auch den Stauden und Zwiebelblumen? Mann, was hast du die letzten Jahre da reingesteckt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Während du das Wort Entschädigung durch deinen Kopf kreisen lässt, siehst du dich vielleicht noch die teuren Schneeglöckchenzwiebeln einbuddeln. Und die kostbare Päonie aus England mitbringen. Der Pfirsichbaum – du hattest dich doch für ein schon so großes Exemplar entschieden, das hat tüchtig reingehauen ins Budget. Aber für deinen Garten war dir nichts zu teuer, kein Aufwand zu groß.

Dein Unbehagen wird bei diesen Überlegungen immer größer. Entschädigung – was soll das denn für eine Entschädigung sein, wenn dir einer einen Pauschalbetrag für dein Hab und Gut bezahlt, das deutlich unter den aktuellen Anschaffungspreisen liegt. Und von dem du dir sowieso nichts neues kaufen würdest, weil du ja nicht so ohne weiteres einen neuen Garten aus dem Hut zaubern könntest.

Inzwischen könntest du dein Unbehagen schon Panik oder ausgewachsene Wut nennen. Denn wie sieht es mit dem ideellen Wert deines Gartens aus? Was gibt’s dafür an Entschädigung? Gartenglück, Einssein mit der Natur und den Jahreszeiten, Gesundheit durch den Genuss des eigenen ungespritzten Obsts und Gemüses, die Möglichkeit zur Betätigung an der frischen Luft und zum Ausgleich im Stadt-und Büroalltag. Erinnerungen an glückliche Momente, Bocciaspielen mit den Kindern, Erdbeertörtchen mit Sahne. Du hattest gedacht, dein Garten würde dich später im Alter noch in Schwung halten. Was ist das wert in Euro?

Du spürst bei diesen Gedanken, dass die Bindung zu deinem Garten enorm groß ist. Der Verlust wäre reiner Schmerz. Nein, darüber willst du gar nicht weiter nachdenken. Du bist doch hier im Gartenblog, um die schönen Seiten des Gärtnerns zu erleben. Und überhaupt: Was sind denn das für komische Fragen?

Ich hatte am Sonntag Gartenabschätzer zu Gast in meinem Schrebergarten.

Gartenabschätzer ermitteln den Wert eines Gartens bei einem Pächterwechsel. Da zahlt der Nachfolger dem Vorpächter Betrag X und alles ist gut. In der Regel sind ja auch beide Seiten im Reinen miteinander. Ich musste – wie 150 Gartennachbarn der Kleingärten Oeynhausen in Berlin-Wilmersdorf auch – meinen Garten schätzen lassen und habe Gefühle zwischen Trauer, Wut und Verzweiflung durchlebt. Denn bitte was ist der Grund für diese Aktion?

Die Ausgangslage war, dass nach jahrelangem Kampf zwischen der Gartenkolonie und einem Immobilieninvestor ein so genannter Kompromiss von Politik und Investor präsentiert wurde, der vorsah, dass die Hälfte von über 300 Gärten sofort zu räumen sei, dafür die andere Hälfte, um die es jetzt geht, gesichert würde. (Hintergründe hier.)

Aber die Abschätzung zeigt, dass eine Sicherung noch weit entfernt ist. 150 Gärtner der Kolonie haben ihren bitteren Teil zur Rettung getan und ihre Paradiese geräumt. Aber was ist mit der Gegenseite? Aufgetaucht sind eine Reihe von Fristen (die erste lautet 31. Mai 2016) und Bedingungen des Investors an Politik und Behörden, die ihm bei zu später oder nicht genehmer Bearbeitung doch die Bebauung des gesamten Geländes ermöglichen. Intransparente Kommunikation zwischen Regierung, Behörden und Investor tut ihr übriges. Die Oppositionspolitiker Nadia Rouhani und Sigi Schlosser versuchen, Licht ins Dunkel zu bringen – bisher ohne Erfolg.

Ich appelliere daher an Regierung und Behörden, endlich ihrer Verantwortung gerecht zu werden und vereinbarungsgemäß berlingarten & Co. zu sichern! Und dringend notwendig wäre auch eine Erklärung zum Stand der Dinge unseres auf facebook sonst so mitteilsamen Bezirksbürgermeisters. Sie stehen bei uns im Wort, Herr Naumann!

P.S.: Für ein Gartenhaus wurde von den Abschätzern der erstaunliche Betrag 4,60 € pro Kubikmeter abzüglich Altersminderung genannt. für die Bepflanzung gibt es Pauschalbeträge niedrig/mittel/hoch.

P.P.S.: Welche Entschädigung erhalten eigentlich Vögel, Eichhörnchen, Insekten? Was die Anwohner, die Spaziergänger, die Menschen im Bezirk, denen das jahrelang von Senatsseite kommunizierte, ökologisch besonders wertvolle “Kaltluftentstehungsgebiet” für die City West zugebaut wird?

Alle Fotos vergrößern sich durch anklicken.

20 Kommentare

  1. Vika sagt

    Hallo,

    ein schöner krtitischer Beitrag der zum nachdenken angeregt. Wir zerstören den Lebenraum vieler anderer Tiere, um darauf Kapital zu schlagen. Wenn es einem selber trifft versteht man es erst.

  2. kabli sagt

    Wir drücken die DAUMEN das es gut ausgeht. Gibt es konkrete Adressen
    An die man schreiben kann ? Vielleicht hilft etwas wenn viele nachfragen.

    • Berlingärtnerin sagt

      Man kann z.B. auf facebook Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann anschreiben. Oder sich offiziell per E-Mail an Baustadtrat Marc Schulte wenden. Seine Adresse lautet:
      Cw340000@charlottenburg-wilmersdorf.de

      Ich danke dir sehr für deine Nachfrage und dass auch du etwas tun willst! Daumen hoch!!

  3. Liebe Xenia,
    egal, welcher Betrag die feinen Herren bieten, er wäre immer zu niedrig.
    Man muss wie du sagst auch die Tiere mit einkalkulieren. Was zählt eine Wildbienenkolonie, die ich mir über Jahre herangezogen habe? Was zählt ein brütendes Rotkehlchen?
    Jetzt weiß ich, woher das Wort abschätzig kommt – von so einer Gartenabschätzung.
    Und das Tolle: In Bielefeld ist mal wieder eine Stadtautobahn im Gespräch, die meiner Meinung nach keiner braucht. Sie würde direkt bei uns vorbeigehen, der Park wäre ruiniert und etliche Schrebergärten würden planiert. Ja, wo sind die Grünen-Politiker bei sowas?
    Ich hoffe, dass es nicht zum schlimmsten kommt, Ostern ist mir erstmal verhagelt.
    Liebe Grüße
    Elke

    • Berlingärtnerin sagt

      Wie ich merke, ist es überall dasselbe. Natur und Grünflächen haben keine Lobby. Hoch- und Tiefbau-Interessensgruppen lachen sich ins Fäustchen. Ich drücke dir die Daumen, Elke, dass die Autobahn doch nicht kommt.

  4. Schade, liebe Xenia, dass ich jetzt dringendst Mittagessen machen muß. Ich wollte nur mal kurz schauen, was es Neues bei Dir gibt. ABER ich komme wieder. Vorab frage ich mich schon mal: Wofür gibt es eigentlich die GRÜNEN Politiker? Gestern noch habe ich mit meinem Sohn über den ‘Wert’ meines Gartens gesprochen. Der wäre für mich nicht mit Geld aufzuwiegen. Ohne ihn würde mir meine Lust zu leben vergehen. Und überhaupt: Was bedeutet Geld? Mehr als sattessen kann man sich nicht. Und das letzte Hemd hat keine Taschen. Ich habe irgendwann aufgehört, nach MEHR und NOCH MEHR und IMMER NOCH MEHR zu streben, bin einfach in meinen Garten gegangen und seitdem mit mir glücklich und zufrieden. Kann man mehr vom Leben verlangen? Ja, Gesundheit und Frieden für alle. Liebe Grüße Edith

    • Berlingärtnerin sagt

      Was für ein schöner Kommentar. Treffender kann man es nicht ausdrücken, liebe Edith.

      Ja, wo sind eigentlich die GRÜNEN? Bitte melden. Wir sind gespannt, ob noch ein Sinneswandel zu erwarten ist.

  5. Manuela sagt

    die mauscheln und mauscheln, dass ist unglaublich. Es muss noch mehr an die Öffentlichkeit, durch Medien! Der Druck auf die Verantwortlichen muss höher werden auch in Bezug auf die Wahlen. Lauter werden……

  6. Erst wenn der letzte Baum gefällt und die letzte Blume ausgerissen ist, werden sie merken, dass man Geld nicht essen kann. So ähnlich hat es mal jemand formuliert und genau so ist es auch – die einen plädieren für mehr Grün in den Städten um die Bienen am Leben zu erhalten, die anderen mähen es am anderen Ende wieder um! Es ist zum Heulen! Ich wünsche Dir viel Kraft und Durchsetzungsvermögen. LG Marion

  7. Genau das hatte ich befürchtet….es ist noch nicht beendet.Ihr werdet hingehalten.
    Was werdet ihr tun…außer bangen und hoffen?
    LG Sisah

    • Berlingärtnerin sagt

      Es ist eine gefährliche Mischung: Da stehen über alles entscheidende Termine im Raum, zu denen von Regierung und Behörden Bedingungen geschaffen werden sollen. Die behaupten, davon nichts zu wissen. Wenn sich also nichts bewegt, kann der Investor sagen: Na da geh ich mal auf Nummer sicher und schmeiße alle vom Gelände. Was aber jetzt Stand der Dinge ist, weiß keiner – weder die BVV noch wir Gärtner. Der Investor hat verhindert, dass alle an einem Tisch gesessen haben.

      Pikant ist, dass Kleingärtner und Investor plötzlich identische Interessen haben, nämlich dass auf dem verlorenen Teil wirklich gebaut werden kann. Aus unserer Sicht, um den anderen Teil zu retten, aus seiner Sicht, um gewinnbringender bauen zu können.

      Daher fordere ich die Regierung zu Transparenz auf. Und hoffe, dass es mir viele gleichtun. Die Herrschaften sind ja alle über facebook und andere öffentliche Kanäle adressierbar.

      Jetzt geht auch die Arbeit auf der Straße los, wie damals vor dem Bürgerentscheid. Schließlich sind Wahlen im September. Und ich kann dir sagen: Überall stehen die Zeichen auf Bürgerprotest.

    • Berlingärtnerin sagt

      Das stimmt, überall brodelt es. Das müssen wir zur Mobilisierung nutzen.
      Mal sehen, ob Bürgermeister Naumann reagiert. Wollen wir Wetten abschließen?

  8. …das stimmt mich sehr traurig, liebe Xenia,
    ich hatte doch geglaubt, eure Gärten seinen nun sicher…ich wünsche dir, dass deine Hoffnung bleibt und nicht enttäuscht wird,

    lieber Gruß
    Birgitt

    • Berlingärtnerin sagt

      Hallo Sabine,

      und immer noch zwingen wir uns zum Dauermantra “Die Hoffnung stirbt zuletzt.”

      Danke für deine Rückmeldung.
      Liebe Grüße!

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