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Kakteen und Kultur: The Huntington bei Los Angeles

Palmengarten

Ich bin sehr glücklich, dass uns Peter, Weltenbummler, Designer und Autor mehrerer Bücher, heute mit auf seine Reise nach Kalifornien nimmt. The Huntington bei Los Angeles ist das Ziel. Aber Achtung: Der Beitrag kann Fernweh auslösen.

Liebe Leserinnen und Leser von berlingarten,
mein Name ist Peter, mit dem folgenden Beitrag stelle ich euch The Huntington vor, eine Verbindung von Botanischem Garten, Landschaftsparks und Kultureinrichtungen. Besucht habe ich diesen ungewöhnlichen Ort im September 2017.

Es dürfte nur sehr wenige Plätze auf der Welt geben, an denen man einerseits unter Palmen oder durch einen Zen- und Rosengarten spazieren, andererseits kulturhistorische Raritäten wie eine Gutenbergbibel oder bedeutende Werke europäischer und amerikanischer Künstler bewundern kann.

Ein solcher Ort ist The Huntington Library, Art Collections, and Botanical Garden – kurz: The Huntington – in San Marino, einem nordöstlichen Vorort von Los Angeles. Initiiert hat diese ungewöhnliche Verknüpfung von Bibliothek, Botanischem Garten und Gemäldegalerien Henry E. Huntington zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Der exzentrische Unternehmer machte sein Vermögen mit dem Aufbau des Straßen- und Regionalbahnnetzes der Metropolenregion Los Angeles. 1916 zog er sich ins Privatleben zurück, als Altersruhesitz hatte er bereits 1903 ein ausgedehntes Grundstück auf dem Gelände der ehemaligen spanischen Mission San Gabriel erworben. Dort entstanden etappenweise die Gärten sowie ein palastartiges Wohnhaus (1911) und, als Kernstück, das Bibliotheksgebäude (1920). Anlage und Gestaltung des umliegenden Parks und der Gärten übernahmen unter anderem die in den USA populären Botaniker und Landschaftsarchitekten William Hertrich, Florence Yoch und Beatrix Jones Farrand.

Bis in die Gegenwart hinein etablierten sich auf dem beachtliche 49 Hektar großen Gelände zahlreiche thematisch gegliederte Anlagen. Zum Vergleich: Der größte Botanische Garten Deutschlands in Berlin-Dahlem umfasst eine Fläche von etwas mehr als 43 Hektar.

Eingangsbereich The Huntington

Anspruchsvolle Gestaltung im Eingangsbereich The Huntington

Die frühesten Gärten von Huntington: Lilieinteiche und Wüstengarten.

Der erste Garten entstand bereits 1904: Die Lily Ponds (Lilienteiche) sind heute allerdings kaum noch zu finden. Auf dem riesigen Gelände führen sie fast ein Nischendasein, wobei sich ein Abstecher zu ihnen unbedingt lohnt. Geschützt von Bambushainen, sind die kleinen, mit Wasserpflanzen bedeckten Teiche eine Oase der Ruhe geblieben.

Aus der Frühzeit von The Huntington stammt auch der Desert Garden (Wüstengarten), der mit über 2.000 Sorten zu den weltweit bedeutendsten seiner Art zählt. Für den Ausbau ließ Huntington extra eine temporäre Bahnlinie anlegen, die vor allem zum Transportieren von Felsbrocken aus den Wüstengebieten Arizonas genutzt wurde.

Alle Fotos der Beitragsgalerien vergrößern sich durch anklicken.

 

Welcome to the Jungle.

Gegenüber dem Desert Garden befindet sich der ebenfalls ausgedehnte Palm Garden (Palmengarten), an den sich direkt Jungle Garden (Dschungelgarten), Subtropical Garden (Subtropischer Garten) und Australian Garden (Australischer Garten) anschließen. Ihre Bepflanzung hat im südkalifornischen Klima zwar prinzipiell einen „Heimvorteil“ und gedeiht prächtig. Allerdings dezimierte 1913 einer der regional seltenen harten Winter allein den Palmenbestand um die Hälfte. Denn gerade diese Pflanzengattung gehörte ursprünglich nicht in die Landschaft des amerikanischen Südwestens, sie wurden erst von spanischen Kolonisten hier heimisch gemacht.

 

Asien in Südkalifornien.

Ein unbestrittener gartenarchitektonischer Höhepunkt von The Huntington ist der seit 1911 bestehende Japanese Garden (Japanischer Garten). Oberhalb eines Bachtales mit obligatorischem Koi-Karpfenteich finden sich hier – teils in prominenter Lage, teils versteckt – zahlreiche Bauten in traditionellem japanischen Stil, ein Zen-Garten und eine Bonsai-Sammlung.

 

Die jüngste Huntington-Erweiterung ist der nördlich davon gelegene, 2008 entstandene Chinese Garden (Liu Fang Yuan; Chinesischer Garten), eine der größten Anlagen außerhalb des Reichs der Mitte. Mit enormem Aufwand wird gegenwärtig an einer deutlichen Erweiterung gearbeitet. Ziel ist es, einen Themenpark zu schaffen, der nicht mehr nur Gartenbaukunst zeigt, sondern auch in Geschichte, Literatur, Malerei und Architektur des ostasiatischen Landes einführt. The Huntington zollt damit auch der Tatsache Tribut, dass das San Gabriel Valley einen Schwerpunkt der chinesischen Gemeinde im Los Angeles County bildet: Allein die Bevölkerung von San Marino besteht zu über 43 % aus ethnischen Chinesen, im östlich davon gelegenen Arcadia sind es sogar über 45 %. Viele von ihnen sind außerordentlich wohlhabend und wichtige Sponsoren von The Huntigton, speziell des Chinese Gardens.

 

Europa kalifornisch interpretiert: Rosen- und Shakespearegarten.

Neben den genannten Großanlagen gibt es im unmittelbaren Bereich der heutigen Galeriegebäude und der Bibliothek eine Reihe kleinerer Anpflanzungen wie den Rosen- oder den Shakespearegarten. Ungewöhnlich ist ein als North Vista bezeichneter Barockgarten, den für Südwestkalifornien symbolhafte, hochstämmige Mexikanische Washingtonpalmen säumen.

Das einzige begehbare Tropen- und Gewächshaus des Areals ist das Brody Botanical Center. Es beherbergt das The Rose Hills Foundation Conservatory for Botanical Science und zeigt Flor der tropischen Regen- und Nebelwälder. Ein angeschlossenes öffentliches Pflanzenlabor lädt besonders die jungen Besucher zum Forschen und Experimentieren ein.

 

Kunst von Turner bis Warhol.

Etwas abseits von Park und Gärten befindet sich das Mausoleum mit den sterblichen Überresten von Henry E. und Arabella Duval Huntington, seiner zweiten Frau. Mit ihr war er seit 1913 liiert, sie teilte seine Sammelleidenschaft und trug maßgeblich zum Aufbau der Sammlung europäischer Kunst bei.

Mausoleum

Das Mausoleum der Gründer

 

Diese Galerie befindet sich im ehemaligen Wohnhaus der Huntingtons, vornehmlich in einem extra dafür angebauten Seitenflügel. In der Sammlung überwiegen Gemälde der Engländer Gainsborough, Constable und Turner, vertreten sind aber auch die beiden Canalettos und einige weitere italienische, aber auch französische, deutsche sowie niederdeutsche Meister. Interessant ist als Rahmen der Exposition die noch weitestgehend originale Einrichtung des Anwesens.

Speziell für Kunst der Vereinigten Staaten entstand in Sichtweite der Huntington-Villa 1984 The Virginia Steele Scott Galleries of American Art. 2009 erfolgte eine bauliche Erweiterung, um eine weitere Sammlung aufnehmen zu können: The Lois and Robert F. Erburu Gallery. Zusätzlicher Raum wurde bis 2016 geschaffen; die gesamte Einrichtung offeriert nunmehr fast 13.000 Werke aus allen Perioden der USA seit dem Zeitalter der englischen Kolonien in Nordamerika und ist damit die größte Exposition amerikanischer Kunst im Westen des Landes. Ausgestellt sind Gemälde national oder international bedeutender Maler wie Church oder Warhol, aber auch von Frank Lloyd Wright entworfene Möbel.

Wechselnden Ausstellungen vorbehalten ist die Mary Lou and Geoge Boone Gallery. Das vergleichsweise kleine, 1911 entstandene Gebäude diente Huntington ursprünglich als Fahrzeuggarage.

Huntington Art Gallery

Die Huntington Art Gallery beherbergt eine überaus bedeutende Kunstsammlung

 

Die Bibliothek: von Gutenberg bis Bukowski.

Die imposante Bibliothek schließlich, die in ihrer Bedeutung landesweit nur noch von der Library of Congress in Washington, D.C., übertroffen wird, präsentiert neben der eingangs erwähnten Gutenbergbibel von 1455 unter anderem Chaucers um 1410 entstandenes Ellesmere-Manuskript und zahlreiche Erstausgaben, Autographen oder Notizen von Shakespeare bis Bukowski, Washington bis Lincoln.

Huntington Library

Ein prächtiges Gebäude für eine großartige Bibliothek: Huntington Library

 

Gut zu wissen für deine Besuchs- und Anreiseplanung.

Wer The Huntington, als dessen offizielles „Geburtsjahr“ 1919 gilt und das seit 1928 für die Öffentlichkeit zugänglich ist, ausführlich erkunden will, sollte dafür also ausreichend Zeit einplanen und gut zu Fuß sein. Auf einer ausgebauten Ringstraße, die fast alle Teile des Areals miteinander verbindet, verkehren allerdings regelmäßig Golfcar-ähnliche Shuttles, um müde Besucher aufzunehmen. Die Haltepunkte sind ebenso wie die zahlreichen öffentlichen Trinkwasserstationen in einem Lageplan eingezeichnet, den man beim Ticketkauf erhält. Das weiträumige Besucherzentrum im Eingangsbereich bietet neben einem Café, einem – gut sortierten – Schnellrestaurant und dem obligatorischen Museumsshop mit der Mapel Orientation Gallery auch eine kleine Ausstellung, die ausführlich über The Huntington und sein Gründerpaar informiert und eine Vielzahl freies Informationsmaterial bereithält. Bliebe noch zu erwähnen, dass The Huntington jährlich rund 750.000 Besucher empfängt.

The Huntington entstand seinerzeit in einem nur dünn besiedelten Teil des San Gabriel Valleys. Heute ist es umschlossen von der kleinen, wohlhabenden Gemeinde San Marino, die direkt an das nicht weniger beschauliche Pasadena angrenzt. Am besten erreichbar ist The Huntington mit dem Auto von Downtown Los Angeles innerhalb einer reichlichen Stunde Fahrzeit via Mission Road und Huntington Drive. Überflüssig zu erwähnen: Kostenfreie Parkplätze sind ausreichend vorhanden.

San Marino

Szene aus San Marino. Der Ort gehört zu den wohlhabendsten der USA

2 Kommentare

  1. Steffi sagt

    Ein sehr interessantes Ziel. Vielen Dank für diesen tollen Bericht und die schönen Fotos!

    Herzliche Grüße
    Steffi

    • Berlingärtnerin sagt

      Liebe Steffi,

      ehrlich gesagt habe ich beim Lesen des Artikels an dich gedacht: USA-affin, gartenbegeistert, Leseratte, Kunstliebhaberin. – Du solltest dringend nach Kalifornien 🙂

      Herzliche Grüße!

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