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Tipps und Tricks à la Wisley Garden

Bepflanzung Great Borders

Wisley ist ein englischer Garten der Superlative: Denn hier regiert die Royal Horticultural Society. Und die steht für höchste Qualität. Ein Rundgang zu den Highlights samt Tipps für deinen eigenen Garten.

England ist ein Land, in dem Gardening ein bedeutenderer Volkssport als Soccer ist – es heißt, Gartensendungen erzielen höhere Einschaltquoten als die englische Sportschau. Man hat den Eindruck: Hier gärtnern alle, der Rentner, der in seinem klitzekleinen Vorgarten eine Blütenfülle präsentiert, die man in Deutschland auf fünf Gärten verteilen würde, oder Prinz Charles, der wahrscheinlich wehmütig wird, sollte er doch noch einmal King of the British Empire werden und weniger Zeit im Garten verbringen können.

Laboratory

Das Laboratory des Sichtungsgartens Wisley, Perle der RHS.

Dass alles von hoher Qualität, mit Sachverstand und besten Pflanzen abgeht, dafür sorgt die RHS, die Royal Horticultural Society. Sie ist mit mehr als 240.000 Mitgliedern die renommierteste Gartenbaugesellschaft der Welt.

Ein Verein mit langer Geschichte.

Gegründet wurde die Society 1804, und zwar ursprünglich nicht von Royals, sondern Pflanzenversessenen. Königlich wurde der klamm gewordene Verein erst 1861 durch üppige finanzielle Zuwendungen von Prinz Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, Gemahl Königin Victorias und Großvater Kaiser Wilhelms II, und bis heute eröffnet die Queen höchstpersönlich die von der RHS ausgerichtete Chelsea Flower Show. Entsprechend breit ist die Brust, wenn man sich nicht scheut, folgenden Anspruch als Motto zu formulieren:

We’re a UK charity established to share the best in gardening. Our work is driven by our simple love of plants and the belief that gardeners make the world a better place.

Und Wisley Garden ist der große Lehr-, Schau- und Sichtungsgarten der RHS. Hier werden besondere Pflanzungen unterschiedlichster Art und Couleur ausprobiert, die später überall trendy werden, hierher schicken Pflanzenzüchter aus aller Welt ihre besten Auslesen. Eine Pflanzen-Champions League sozusagen. Was sich als Sorte mit herausragenden Eigenschaften herausstellt, hat das Zeug zum Gütesiegel. The best of gardening eben.

Eine Gartenreise mit einem Besuch hier zu starten, ist eine großartige Idee des Reiseveranstalters. Das frühe Aufstehen, der Flug, das Warten auf dem Flughafen, bis die Gruppe komplett war: alles wie weggeblasen bei der Ankunft in Wisley und dem ersten Blick auf den Shop, bei dem man sofort bereut, mit dem Flieger und nicht mit einem LKW gekommen zu sein. Und zu Hause nur 350 qm und nicht 3.500 qm zu haben. (Einen Bericht über Lust und Tücke einer Gartenreise findest du hier.)

Wisley liegt in Surrey, nicht einmal eine Autostunde von London entfernt, ein Besuch käme also auch dann in Frage, wenn dir eine ganze Gartenreise zu viel ist, du aber neben der Hauptstadt noch einen Garten der Superlative einbauen möchtest.

Wisley ist Perfektion. Und dennoch voller Anregungen für jedermann.

The World a better place – hier in Wisley ist es auf dem knapp 100 Hektar großen Gelände schon Realität. Ein Paradies. Der Rundgang beginnt an einem altehrwürdigen Gebäude im Tudor-Stil. Man schaut auf die sprichwörtlich perfekten Rasenstreifen entlang eines langgestreckten Seerosenbeckens. Maniriert, kunstvoll, ich finde es wunderbar. Und dazu? Aus allen Fugen und Ritzen der Platten dürfen die weiß-rosa Köpfe des Spanischen Gänseblümchens Erigeron karvinskianus herauswachsen. Wie sympathisch, genau der richtige Bruch.

Tipp: Das Spanische Gänseblümchen wächst auch bei uns. Starte mit ein paar gekauften Pflanzen, setze sie an trockenen, mageren Stellen ein und erfreu‘ dich am Vagabundieren über die Jahre!

(Alle Fotos vergrößern sich durch anklicken.)

 

Berühmt ist der Steingarten von Wisley. In vielen Gartensendungen habe ich ihn schon bestaunen können. Denn Steingarten bedeutet hier nicht ein Hügelchen, Steingarten ist hier tatsächlich ein Berg. Seine Terrassen sind über und über mit seltenen Pflanzen bestückt. Und wie zu jedem Berg gehört auch ein Tal, durch den sich hier ein hübsches Bächlein zieht. Calla und andere feuchtigkeitsliebende Pflanzen strahlen am Ufer.

 

Tipp: Wenn du schon immer einen Steingarten anlegen wolltest, du aber zu wenig Platz hast: Wie wäre es, in die Vertikale zu gehen und eine Mauer mit Ritzen für Mauerblümchen anzulegen? Vielleicht sogar angelehnt an eine bestehende Wand in der Sonne? Mit einer Ablage für Töpfe obendrauf? (Achtung mit der Statik!)

 

Dein besonderes Augenmerk möchte ich auf den in 2011 neuangelgten Rosengarten lenken. Das ist nämlich nicht nur eine Anlage in XXL, hier begegnet man Kombinationen von Rosen, Einjährigen, Zwiebelblühern, Stauden, Gräsern, Sträuchern und teilweise großen Bäumen at its best. Die Farbkombinationen reichen von klassisch Ton-in-Ton, bis hin zu wirklich kreativ. Ich hoffe, du kannst anhand der Fotos halbwegs erahnen, wie üppig, kunstvoll und innovativ die schwingenden Bänder gestaltet sind. Ich konnte jedenfalls kaum noch die Kamera ruhig halten, so stark hat mein Herz geklopft.

Tipp: Die Rosen sind häufig nicht als runde Form zueinander, sondern in „drifts“ gesetzt – in länglichen Bändern, die von vorn nach weiter hinten ins Beet mäandern. Es war Gertrude Jekyll, die diese Art der Anordnung für spannungsreiche Staudenpflanzungen empfahl, und die sich auch im kleineren Stil für Hausgärten eignet.

 

Ebenfalls außerordentlich sehenswert und ein echtes Schmuckstück in lavendelblau ist der Country Garden. Sein Aufbau ist denkbar simpel, das Rechteck gibt den Ton an und hält die im wahren Sinne überbordende Fülle zusammen. Er wurde 1999 von Penelope Hobhouse angelegt, einer der großen englischen Gartenladies der letzten Jahrzehnte. Ihre Bücher zu Farbe im Garten oder über ihre Arbeit in Tintinhull gehören in jede Gartenbibliothek.

Tipp: Wenn du die Möglichkeit hast, einen Garten von Grund auf neu anzulegen, oder vielleicht auch nur einen neuen Gemüsegarten: Mut zur Einfachheit, zur klaren Struktur. Statt eines Wasserbeckens in der Mitte passt auch eine kleine Rasenfläche. Darum herum setzt du vier rechteckige Pflanzflächen, an den Enden der Wege ist Platz für Sitzplätze, einen Pavillion oder ein Klettergerüst.

 

Als Highlight können sicher die großen Mixed Borders gelten. Schnurstracks ziehen sie sich rund 130 Meter lang und sind auf jeder Seite jeweils 6 Meter tief. Wer lernen will, wie man eine Rabatte durch Höhenstaffelung, Farbabstufung und Wiederholung strukturieren und ihr Rhythmus geben kann, der sollte spätestens jetzt einen Wisley-Besuch auf die To-do-Liste gesetzt haben. Wir waren jetzt im Juni noch etwas zu früh im Jahr dran, aber im August muss sie der Knaller an Gelb und Rot sein.

Tipp: Wisley macht vor, wie es geht, Pflanzen natürlich und effektiv zu stützen. Nirgendwo wurde hier etwas aufgebunden, dafür wurden halbe Wälder an Birken- und Haselnussreisig unauffällig in die Stauden gesteckt – und zwar zum Pflanzenaustrieb.

 

Das war jetzt nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus einem riesigen Spektakel. Ähnlich wie in einem Museum, muss man sich fokussieren, sonst droht man von den vielen Eindrücken erschlagen zu werden. Oder man kommt häufiger her. Allein Wisley reicht für eine halbe Urlaubswoche. Oder wie war das doch noch mit der guten Erreichbarkeit von London aus? Muss gleich mal die Flüge checken…

Tipp: Auch Nicht-Briten können Mitglied der Royal Horticultural Society werden. Schau mal im Internet bei der RHS, eine Mitgliedschaft für rund 40 Pfund im Jahr könnte sich lohnen. Denn neben dem Eintritt ist ein Jahresabonnement der Zeitschrift The Garden inklusive. Und wenn du einen Besuch der Chelsea Flower Show planst, hast du an zwei Tagen exklusiven Eintritt: Am ersten Tag kommt ausschließlich die Königsfamilie, an Tag zwei und drei heißt es only for members, (fast) only for you.

13 Kommentare

  1. Liebe Xenia,
    wieder so ein interessanter Bericht! Den Garten habe ich noch nicht besichtigt. Ich freue mich schon auf deine weiteren Gartenvorstellungen.
    LG Kathinka

    • Berlingärtnerin sagt

      Vielleicht schaffst du es ja bei deiner jetzigen Tour durch Südengland, nimm dir auf jeden Fall etwas Zeit mit, liebe Kathinka! Du wirst dann die lodernden Farben erleben dürfen.

  2. Wir hatten damals auf unserer Reise leider nur zwei Stunden für Wisley und ich hab mir fest vorgenommen, nochmal hin zu fahren. Aber eine Pflanzidee habe ich von dort mitgebracht :Geranium ‚Orion‘!Der leuchtete in seinem wunderbaren blau dermaßen, den musste ich haben. Er blüht noch immer wunderschön und ich bereue es nicht, damit ein ganzes Beet gestaltet zu haben.
    Liebe Grüße von Heike

    • Berlingärtnerin sagt

      Das hab ich mir gleich notiert. Ist mal was anderes als Rozanne. Danke für den Tipp, liebe Heike!

    • Orion ist ein wundervoller Storchschnabel. Er kippt ( zumindest hier) ein wenig, aber das Blau ist unbeschreiblich. Und dann die lange Blütezeit dazu. Auch einer meiner Lieblinge.

      • Berlingärtnerin sagt

        Liebe Birgit, ich hab mir Orion schon auf die Wunschliste für September gesetzt. Freu mich drauf 🙂

        Schöne Grüße!

  3. Wunderschöne Fotos und ein toller Bericht der wirklich Lust macht, einmal Wisley zu besuchen. Besonders schön: konkrete Ideen zur Umsetzung im eigenen Garten. Ich liebe Gärten, habe aber keinen eigenen, das läßt sich so schlecht mit der Reisewut vereinbaren.

    Auch ein ganz toller Tipp von Dir mit der RHS, das wissen hier in Deutschland viele nicht. Hach, und die Chelsea Flower Show!!!

    Viele Grüße, Sabine

    • Berlingärtnerin sagt

      Hallo Sabine (nett: ihr alle hier in den Kommentaren heißt Sabine)!
      Danke für dein Feedback, ja, Reisen und Gartenbetuttelung passen nicht optimal zusammen. Da holt man sich besser die Freude aus fremden Anlagen. Schön, dass dir Wisley gefällt. Vielleicht bist du ja mal „ums Eck“ und schaust vorbei. Ich behalte es auf Instagram im Blick:-) Allerdings ist die Liste mit Plänen ja schon ganz schön lang dort…

      Viele Grüße!

      • Hallo Xenia,
        ja in meinem Freundeskreis heißen auch viele Sabine, deshalb sagt man auch: Sabine ist kein Name sondern ein „Sammelbegriff“ (bestimmter Geburtsjahrgänge!!!).
        Wenn ich mal „ums Eck“ bin, melde ich mich, danke!
        Viele Grüße,
        SABINE

    • Berlingärtnerin sagt

      Ach ja, Sabine. Ich wieder in Deutschland und die meisten meiner Beete über den Frühsommerzenit. Hach. Grmpf.

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