Garten
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Die Kleingärten Oeynhausen – reine Wehmut

Farbenfroher Winterjasmin

Soll man einen Garten winterfest machen, der den Baggern geweiht ist? Packe ich Pflanzen mollig warm ein, die den nächsten Frühling nicht erleben werden? Einfach weitermachen, als wäre nichts? Inwieweit kann man sich selbst überlisten?

Mir kamen heute die Tränen, als ich Fotos von jedem Quadratmeter meines Gärtchens machte. Damit ich noch weiß, wo was in der Erde schlummert, wenn ich vor dem Kahlschlag zum letzten Treffen lade, an dem sich Pflanzenfreunde meine Schätze aus dem Boden buddeln dürfen. Mir war so weh ums Herz, als ich beobachten konnte, wie die Nachbarin Vlies um die zartesten Gewächse legte und “Die Hoffnung stirbt zuletzt” murmelte.

Aber Recht hat sie. Auch ich gärtnere noch, ernte unseren lila Grünkohl, sehe den Meisen beim Naschen am Vogelhäuschen zu. Seufze, wenn ich auf die Knie gehe, um die Christrosenblüten zu fotografieren. Und ich spaziere – wie all die Anwohner – noch immer durch die Gärten. Es kann doch nicht sein, dass ich innerlich den Garten schon aufgebe, bevor es wirklich zu Ende ist. Luft! Ich brauche Luft. Bewegung! Ich brauche Bewegung. Ausgleich! Ich brauche Ausgleich. Und die Schönheit unserer Kolonie mit all ihren Bäumen und noch immer blühenden Blumen brauche ich daher ganz besonders. Ein paar Fotos habe ich dir mitgebracht.

Bei meinem letzten Spaziergangsbericht aus dem Sommer war ich noch so hoffnungsfroh, dass unsere Gartenanlage überleben würde. Und nun ist jeder Tag einer der letzten. 93.000 qm stehen auf dem Spiel und Berlin wird nicht nur um die größte und älteste Anlage Wilmersdorfs ärmer. Diese Stadt beraubt sich auch sehenden Auges eines Stücks ihrer Identität und Attraktivität. Was weg ist, ist unwiederbringlich weg. (Oder hast du schon mal erlebt, dass aus ehemals Industrie- oder Wohnflächen Gärten und Grünflächen neu entstünden? Geplanterweise und politisch erwirkt?)

Paare wie wir, die beide hier studiert haben, Nachwuchs großziehen, Vollzeit arbeiten und sich trotzdem kein Haus mit Garten in der Stadt leisten können, werden an den Speckgürtel gedrängt, wenn sie als Ausgleich zu ihrem Job frische Luft und Betätigung im Freien suchen. Dabei will ich meine Steuern ja hier zahlen und hier einkaufen und die Wirtschaft am Laufen halten. Aber Berlin macht sich für Familien mit Kindern eben nicht sexy, sondern trist und grau. Nebenbei bemerkt: Auch die Wohnungen der auf unser Gartenfläche entstehenden Häuser kann sich das Gros der Bevölkerung sicher nicht leisten. “Bezahlbarer Wohnraum” ist nicht das, was einem bei einem Quadratmeterpreis “ab 4.000 Euro” einfällt.

“Hast du dich denn schon bei anderen Kolonien beworben?”, werde ich jetzt häufiger gefragt. Aber wo sollte ich das denn tun? Nach dem so genannten Stadtentwicklungsplan, der in Wirklichkeit nichts entwickeln lässt, sondern nur die Vernichtung von Grünflächen auflistet, sind neun Wilmersdorfer Gartenanlagen bedroht. Auch bei uns Oeynhausenern gibt es Gärtner, die schon mehrere Koloniezerstörungen an der eigenen Scholle miterlebt haben.

Beton statt Bäume – das ist das Motto unserer Regierung. Die eigene Legislaturperiode im Blick statt Nachhaltigkeit. Trocken heiße Sommer auf versiegelten Straßen statt Kinderlachen am Plantschbecken. Einen einzelnen Investor bedienen statt den Willen von 84.000 Wählern eines Bürgerentscheids durchsetzen. Ich bin echt fertig mit Berlin. Nun hoffe ich, dass wenigstens ein paar Gärten in den Verhandlungen mit dem Investor rauszuholen sind. Es kommt auf jeden Quadratmeter an.

Alle Fotos vergrößern sich durch anklicken.

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14 Kommentare

  1. Das ist einfach nur sehr traurig.
    Man sollte die dafür Verantwortlichen ihres Amtes entheben und einfach nur davonjagen!
    Mehr fällt mir dazu nicht ein.
    LG Edith

    • Berlingärtnerin sagt

      In Berlin wird schon in diesem ja gewählt. Und die ja gewählt. Und die Über 80.000 Menschen, die für den Erhalt unserer Anlage notiert hatten, werden diese Sauerei hoffentlich nicht vergessen haben. Über 80.000 Menschen, die in einem Bürgerentscheid für den Erhalt unserer Anlage votiert hatten, werden diese Sauerei hoffentlich nicht vergessen.

  2. Petra Ugrinsky sagt

    Hallo ihr Lieben,
    ich weine mit euch. Ich habe selten so liebe und interessante Leute kennengelernt, wie euch. Von eurem Kampfgeist kann sich so mancher eine Scheibe abschneiden. Und so unbeschreiblich traurig der Verlust eurer Gärten ist, um soviel trauriger ist es, dass eure Gemeinschaft nicht schützenswert sein soll.
    Alles Liebe Petra Ugrinsky

  3. Schöne Fotos, die du uns von deinem kleinen Paradies zeigst.Ich verstehe deine Wehmut, wie viele Jahre hast du gebraucht, dass der Garten so wurde, wie du ihn uns präsentierst? Wieviel Arbeit, Geld und Kreativität hast du in ihn gesteckt, das wird jetzt alles mit einem Wisch beiseite geschoben, dami Berlins Stadtplaner voranschreiten können.
    Ich habe gelesen, in Hamburg wurden für den dem Wohnungsbau geopferten Kleingärten Ersatzgärten zur Verfügung gestellt. Wird euch da nichts angeboten? Kleingärtner sind doch durchaus organisiert….oder haben Kontakte.
    Übrigens gehören wir zu den Ex- Berlinern, die nach langen Versuchen einen Kleingarten zu bekommen sofort nach der Wende ins Umland geflüchtet sind für etwas mehr privates Grün als einen städtischen Balkon zu genießen.
    Ihr seid noch jung, ihr werdet einen neuen Garten haben…..neue Pläne und Ideen. Gärtnerinnen sind doch flexibel. Keep calm and carry on!
    LG
    Sigrun

    .

    • Berlingärtnerin sagt

      Keep calm eher nicht so. Carry on bestimmt, liebe Sisah. Wir versuchen jetzt natürlich zu verhandeln. Aber ernstzunehmende Angebote? Ich bin skeptisch. Weißt du, wir haben schon zu viel Negatives erlebt, da bleibt man zurückhaltend.

      Liebe Grüße, ich hoffe, von irgendwo kommt noch ein Lichtlein her…

  4. Ich bin zu tiefst bestürzt und konnte kaum weiterlesen :(

    Es tut mir so leid für euch und auch für die Zukunft der Stadt.

    Was ich in eurer Situation machen würde….ich weiß es nicht, denn für mich als Landei ist kaum vorstellbar, was du da beschreibst.
    Unter solchen Umständen könnte ich auch nicht leben und würde eingehen wie eine Pflanze der man Licht und Luft raubt.

    Trösten kann ich dich leider auch nicht….was sollen da schnöde Worte auch ausrichten, aber vielleicht hilft es dir, wenn du weißt, dass Andere an dich denken.

    Fühl dich gedrückt
    Sabine

  5. Heidi sagt

    Schlimm ist das zu lesen,Berlin macht soviel kaputt und merkt es nicht oder will es nicht merken, schade vielleicht sollte man sich mal treffen

    • Berlingärtnerin sagt

      Hallo Heidi,

      Danke für dein Feedback! Solidarität ist so wichtig! Das nächste Treffen der Bürgerinitiative findet am 14.12. im Vereinsheim statt. Das ist in der Friedrichshaller Straße 3 in 14199 Berlin. Du bist sehr herzlich willkommen!

      Liebe Grüße!
      Xenia

  6. Ihr Lieben,
    seht zu, so schnell wie möglich auf die Bewerberlisten anderer Kolonien zu kommen! Auch Charlottenburg hilft! Vor allem Familien mit Kindern, die zugleich “Umsetzer” sind, haben relativ gute Chancen, wenn irgendwo Parzellen frei werden.
    Blumige Grüße,
    Suse (Kol. Friedrichshall)

    • Berlingärtnerin sagt

      Danke dir ehrlich, liebe Suse, vielleicht lernen wir uns dann bald bei euch kennen. (Das wäre schön!!) Aber wir sind viele: Es handelt sich um krasse 300 Gärten, die hier kaputtgehen…

      Herzliche Grüße
      Xenia

  7. Katja sagt

    Mir kommen die Tränen beim Lesen ! Ich hätte es nicht schöner ausdrücken können , genau so fühle auch ich mich ! Was soll man tun ? Ich kann nicht mehr in meinen Garten gehen …. Ich muss weinen beim Gedanken an den “Auszug ” wäre am liebsten nicht dabei wenn wir unsere Obststräucher , Stauden und Bäume ausbuddeln lassen damit die vielleicht irgendwo anders weiter wachsen dürfen ! Wenn unser 4 Jahre altes “neues ” Haus abgerissen wird ! Auch wir sind unsagbar traurig und fertig mit Berlin ! Echt schön traurig geschrieben !

    • Berlingärtnerin sagt

      Liebe Katja, danke, dass du dich meldest. Zusammen verzweifelt sein ist immer noch besser, als allein. Aber Trost kann uns jetzt kaum etwas sein :’-(
      Lass uns bitte in Kontakt bleiben.

      Tonnenschwere Grüße!

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