Garten
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12tel Blick: Freud und Leid liegen nah beieinander

31. Januar 2016

Freud und Leid liegen nah beieinander, sagt man. Wie nah, kann man heute besonders gut beobachten. Während ich den ersten Gartentag des Jahres 2016 verlebe, bedeutet er für viele andere Gärtner den letzten.

Bei uns heißt es, die ersten Obstbäume zu beschneiden und braune Staudenreste wegzunehmen, um den fröhlich gelben Winterlingen Platz zu schaffen.

Einen Weg weiter mühen sich – wie schon seit Wochen – die Gärtner im Schweiße ihres Angesichts darum, das Hab und Gut zusammenzuklauben. Ab morgen kommen die Bulldozer.

Die Sonne mogelt sich durch die Wolken, ich halte meinen 12tel Blick Richtung großes Beet im Sonnenschein fest. Hörte man nicht die Kettensägen im Hintergrund und würde einem die Trauer die Brust nicht zuschnüren, es wäre geradezu idyllisch. Vor einem Monat habe ich mich gefragt, ob ich diesen Blick überhaupt noch einmal werde fotografieren können.

In der Zwischenzeit wurde so entschieden: Wer auf der “richtigen” Seite seinen Garten hat, kann erstmal weitermachen, wer ihn auf der anderen Seite, der straßennahen hat, muss bis heute Abend für den Investor geräumt haben. 150 Gärten bleiben (vorerst?) erhalten, 150 sind unwiederbringlich verloren.

Heute kann ich diesen Beitrag also gleich doppelt verlinken. Zur Aktion 12tel Blick und zur Aktion Lost Places. Ja, Freud und Leid liegen wirklich sehr nah beieinander.

Beispielhaft für 150 Gärten, die wahre “Lost Places” sind:

Ein paar Vorher-Nacher-(Trauerbei)spiele:

Im berlingarten blühen die Winterlinge und Lenzrosen, als wäre nebenan nichts los. Klos-im-Hals-Fotos von heute:

 

Alle Fotos vergrößern sich durch anklicken.

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28 Kommentare

  1. Liebe Xenia,
    Glück gehabt, aber wie lange. Genieße die Zeit und kämpfe weiter!
    Auch bei uns vor der Tür gibt es ein kleines, über 15 Jahre selbst entstandenes Paradies mit Nachtigall, Johanniskraut und Pappelsichtschutz (verdeckt das Arbeitsamt,-) ).
    Laut B-Plan leider Bauland, und in der Nähe wurde schon abgeräumt.
    Höre ich Motorsägen, springe ich schon panisch zum Fenster. In Brandenburg ist der Baumschutz sehr lax…
    Alles Liebe
    Ursula aus Bernau

    • Berlingärtnerin sagt

      Ach Ursula, ist es denn überall das Gleiche? Seufz. “Paradies” und “Motorsägen” in einem Atemzug. Ich bin so frustriert, dass mir der Genuss wirklich schwer fällt. Aber wie sagt meine Tochter: “Mama, deine Pflanzen können dich nichts dafür. Du musst dich weiter um die kümmern.” Recht hat sie.

      Liebe Grüße nach Bernau!

  2. Dany sagt

    Liebe Xenia,
    sprachlos bin ich und habe Mühe durch die aufkommenden Tränen die Buchstaben auf der Tastatur zu erkennen. Es gibt doch so viele Ecken in Berlin, die über Jahre hinweg vor sich hin gammeln. Warum setzt man dort nicht an und lässt solch wichtige Oasen wie die Kleingartensparten für Mensch und Tier bestehen. Es ist soooo traurig …

    LG aus Potsdam

    • Berlingärtnerin sagt

      Das ist – leider! – ganz einfach: Es stimmt, dass man in Berlin nichts zerstören müsste, wenn man die Lücken bebaute. Das kann man selbst in Senatspapieren lesen. Aber: das ist für Investoren nicht so lukrativ wie diese riesigen Bauprojekte. Wir kennen sie alle, diese großen Anlagen, die dann entstehen. Uniform und extrem verdichtet.

      Und was weg ist, ist weg. Oder weißt du von Projekten, wo einstmals Häuser waren und die geplantermaßen Grünflächen für die Bevölkerung wurden? Nee.

      Danke, Dany, viele Grüße!

  3. Erschreckend!
    Was da an Arbeit zerstört wird und
    verloren geht. Geld regiert die Welt :-(
    Liebe Grüße von Urte

  4. Ach, sowas ist immer wieder traurig und gleichzeitig erschreckend, wie wenig Mitsprache man als normaler Mitbürger hat. In der Innenstadt sind die Begehrlichkeiten natürlich immer sehr groß, in den Randbezirken sieht das oft anders aus. Ich hatte vor Jahren einen Schrebergarten in Spandau und ich weiß, dass dort immer wieder Gärten lange Zeit frei sind, weil das Interesse an einem Gartenleben dort offensichtlich nicht sehr groß ist. LG Ikerena

    • Berlingärtnerin sagt

      Liebe Ikerena,

      dann hoffe ich sehr, dass einige der Gärtner, die jetzt weichen müssen, vielleicht wenigstens an den Randbezirken etwas Neues finden.

      Für die innerstädtischen Bereiche gilt aus Bürgersicht: Denkt an das Klima für die City. Es braucht unversiegelte Flächen mit Bäumen zur Kaltluftentstehung.

      Ganz liebe Grüße!

  5. das macht so wütend!!
    danke für deinen beitrag – ich hoffe, dass wenigstens die anderen 150 gärten gerettet werden können und drücke allen dafür die daumen!
    lg, mano

  6. Hallo Xenia,
    ich finde das so schlimm und grausam, dass ich einfach nur sprachlos bin, wenn ich deine Bilder sehe. Der Garten ist ein Stück Heimat, Natur und Glück – und auf keinen Fall wert, gegen einen Neubau ausgetauscht zu werden.
    Was ist nur los mit den Menschen, wollen sie die Stadt absichtlich möglichst lebensfeindlich machen?
    VG
    Elke

    • Berlingärtnerin sagt

      Wie sagte der Vorsitzende der Grünen mehrfach öffentlich: “Geld regiert die Welt.”
      Und unterstützte den Investor.

      So weit ist es gekommen, liebe Elke.

  7. Liebe Xenia, danke für diese Dokumentation, wenngleich sie auch mir fast die Kehle zuschnürt. Es waren ja Plätze, wo gelebt, geliebt und gelacht wurde, mit denen viele Erinnerungen eines Lebens verbunden sind. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wieviel Menschen an diese Orte noch zurückkehren, fassungsos auf ihr verlorenes Fleckchen Erde schauen werden, um nach und nach zu realisieren, dass es wirklich vorbei ist und kein Zurück gibt. Liebe Grüße Edith

  8. sisah sagt

    Es ist richtig, dass du diese Zerstörung dokumentierst, auch wenn ich richtig wütend werde über diesen Anblick. Das Heil der Stadtplanung liegt in Nach-Verdichtung, die stadtökologischen Vorteile dieser kleingärtnerischen Grünflächen sind nur noch nachrangig. Und diese Idee wird unterstützt von allen Parteien. Das ist so kurzsichtig gegenüber der Gesamtbevölkerung Berlins ( mehr Verkehr, schlechteres Stadtklima, Gentrifizierung….) und unbarmherzig gegenüber den Laubenpiepern, die ihr ganzes Herzblut in die Gestaltung ihrer Parzellen gelegt haben.
    Auf der Seite des rbb habe ich gelesen, dass die betroffenen Laubenpieper entschädigt werden und ihnen Ersatzparzellen angeboten werden. Das erste war mir schon bekannt, aber stimmt auch das mit der Unterstützung bei der Suche nach etwas neuem?
    LG
    Sigrun

    • Berlingärtnerin sagt

      Liebe Sigrun,

      entschädigt wird, aber nicht irgendwie besonders, sondern so, wie es bei einer Gartenübergabe gesetzlich geregelt ist. Und nein, geholfen wird nicht.

      Wir müssen im Gegenteil jetzt weiter kämpfen, dass die andere Hälfte wirklich gesichert wird. Denn bei der Vereinbarung zwischen Politik und Investor sind ja “Wenn nicht, dann aber doch 100%”-Klauseln drin.

      Gestern war übrigens erstes Räumgerät da, es wurde schon gezeigt, wo der Hammer hängt. Und ein ganz trauriges Thema: Diebstahl und Plünderungen in den letzten Tagen. Ganz schlimm.

  9. Hach auch ein Parzellengarten im Blick, wie schön. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich meinen Blick 2016 weiter verfolge aber ich würde schier wahnsinnig werden wenn vor unserem Freilichtatelier irgendwann der Bagger stehen würde (und es nicht Grabowski in der Miniausgabe ist). Ich fühle mit Dir und könnte gut verstehen wenn Du Dir jetzt die Fingernägel abkaust. Uns erzählen sie (der Vorstand) immer wieder das das unserer gartenanlage nicht passieren kann aber so richtig trauen kann man ihnen nicht.
    Liebe Grüße und das ich hoffentlich das ganze Jahr über an Deinem Garten teilhaben kann
    Aqually

    • Berlingärtnerin sagt

      Hallo Aqually,

      ja, Vertrauen kann man leider niemandem mehr diesbezüglich. Zu groß sind die Begehrlichkeiten der Immobilienwirtschaft, zu schwach/unfähig die ihnen helfenden Politiker.

      Dennoch wünsche ich dir ein unbeschwertes Gartenjahr! Man sieht sich :-)

  10. Oje, das wirklich traurig. Schade, dass es so gekommen ist. Hoffentlich finden die Betroffenen einen neuen Schrebergarten.

    lg kathrin

    • Berlingärtnerin sagt

      Danke für dein Feedback, liebe Kathrin. Manche haben ein neues Domizil gefunden, die meisten suchen noch. Es ist schwierig in einer Stadt, die Grünflächen systematisch und im großen Stil reduziert.

      Liebe Grüße!

  11. …das schnürt einem wirklich die Kehle zu, liebe Xenia,
    was da von Menschen aufgegeben werden muß…wie viel Liebe und Arbeit darin steckt…ich hoffe und wünsche, dass du deinen Garten trotzdem noch lange genießen kannst,

    lieber Gruß Birgitt

  12. Liebe Xenia,
    du hast es geschafft, diesen traurigen Post zu verfassen…danke fürs Verlinken bei den Lost Places. Ich hoffe wirklich, dass dein Garten nicht auch irgendwann der Entscheidung für ‘Beton’ zum Opfer fällt. Wieviel Natur hier kaputt gemacht wird, ist traurig. Und sogar der Spielplatz ist verloren…ich kann das sehr nachempfinden. Stand ich doch am Samstag hier vor einem wunderschönen historischen Haus aus dem Mittelalter….auf einmal abgerissen bis auf wenige Mauerstücke. Da war mir auch zum Heulen.
    LG Sigrun

    • Berlingärtnerin sagt

      Furchtbares Wort: “unwiederbringlich”. Für diese Gärten, für alte Häuser. Kurzsichtig.

  13. Es macht mich so wütend, dass Gärten einfach so an den Meistbietenden verkauft werden können… es sollte ein Gesetz dagegen geben. Wer einen solchen Garten pachtet, der sollte ein lebenslanges Nutzungsrecht garantiert bekommen. Es ist einfach herzzereißend…

    • Berlingärtnerin sagt

      Und das sind ja auch Areale, die von offizieller, also Senatsseite, als besonders schützenswert für das Klima der Berliner City West eingestuft wurden. Wir machen in Deutschland die Fehler, die in anderen Megacities versucht wird, rückgängig zu machen.

      Danke dir, liebe Barbara!

  14. Ach meine Liebe, das ist ja wirklich kaum zu ertragen. Es tut mir sooo leid. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sich anfühlen muss “auf der falschen Seite” mit seinem Garten zu liegen. Und dass Deine Gartenfreude einen gehörigen Dämpfer erhält, kann ich mir gut vorstellen. Was für ein Drama! LG Anja

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