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Kleingärten: begehrt und bedroht

Über Gärten in der Stadt, ein Herzblut-Thema vieler Menschen, den fehlenden Willen der Politik, diese zu erhalten, und die Hoffnung auf Veränderung.

Schön und erhellend findet ich den Baum-Vergleich: In Charlottenburg-Wilmersdorf nimmt die Zahl der Straßenbäume stetig ab, neue werden immer weniger nachgepflanzt. Denn da spart die öffentliche Hand. Schließlich kostet ein einziger neuer Baum (Ankauf, Anpflanzen und Pflege in den ersten drei Jahren) etwa 1.200 Euro, sagt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz. Das wären bei 1.500 ausgemerzten Bäumen der Kolonie Oeynhausen also etwa 1,8 Millionen Euro, die der Bezirk aufbringen müsste, wenn ihm gute Luft am Herzen läge und er für Ersatz sorgen wollte. (Mal davon abgesehen, wie lange es denn dauern würde, bis Neupflanzungen herangewachsen wären, um einen Ersatz darzustellen…)

Na, warum also wird die Erschließung von großen Neubauflächen favorisiert? Es bleibt nur eine plausible Erklärung: Weil es lukrativer für Investoren ist.

Ich habe übrigens gar nichts gegen Investoren – dass die ihr Geld Gewinn bringend anlegen wollen, liegt in der Natur der Sache. Mir geht es um die politischen Kräfte, die nur uns als Wählern verpflichtet und unabhängig sein müssten.

Und das ist, was mich wirklich fertig macht, seit ich mich angesichts der Gärtenfrage intensiver mit Politik beschäftige:

Dass trotz besseren Wissens nicht im Sinne der Wähler_Innen gehandelt wird. Und dass ich, obwohl als Wählerin Souverän, politische Entscheidungen offensichtlich nicht beeinflussen kann. Dass man an ganz anderer Stelle von Partikularinteresse sprechen muss, nämlich dem der Immobilien- und Bauwirtschaft. Das hat doch alles ein Geschmäckle.

Dass versucht wird, Gärtner und Mieter gegeneinander auszuspielen, was angesichts der gerade beschriebenen Tatsache, dass Platz für alle da ist, absolut schoflig ist. Denn natürlich braucht Berlin neue Wohnungen! Und (nicht nur) die neuen Mieter brauchen lebenswerte, sozial und ökologisch gesunde Wohnumfelder.

Und im speziellen Fall von Oeynhausen, dass hier mit allen unschönen Mitteln der Kunst der Bürgerwille von rund 85.000 Wählern ignoriert wird, obwohl diese sich – trotz aller Tricks im Vorfeld – klar dafür ausgesprochen haben, dass die Kolonie bleiben muss. Koste es selbst astronomische, von den Regierenden zur Abschreckung kommunizierte Phantompreise.

Und das Erstaunliche an der ganzen Sache ist, dass die Treiber im Senat und insbesondere im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf ausgerechnet der Partei entstammen, mit der man traditionellerweise Attribute wie Bürgernähe und soziale Gerechtigkeit verknüpft hatte. Die jetzt aber den Markenkern ruinieren und den Titel “Volkspartei” endgültig verspielen.

Ich muss leider konstatieren: Ich bin ohnmächtig im wahren Sinne von “ohne Macht”. Und manchmal auch ohnmächtig im Sinne von “es ist zum Heulen”.

Die Hoffnung stirbt zuletzt – und die Gärten hoffentlich nie.

Was bleibt an Hoffnung? Dass die Basis der SPD aufwacht. Dass die Mitglieder im Bezirk Aufklärung verlangen, nachdem sie informativ lange unterversorgt waren. Dass sie berlinweit den Kandidaten zum Regierenden Bürgermeister macht, der sich am stärksten für die Gärten dieser Stadt ausgesprochen hat. – Sie stünden doch im Wort, Herr Saleh? – Dass wir Gärtner uns noch stärker solidarisieren: Wer keine Lobby hat, um gehört zu werden, muss selber lauter werden. (Ein Sternmarsch aller Kleingärtner der Stadt, begleitet von allen, denen Grünflächen wichtig sind – das wäre doch mal ein Zeichen. – Welche Ideen habt Ihr?) Dass noch mehr launige Artikel über das große Glück auf kleinem Grün erscheinen. Dass die gelesen und verbreitet werden und zum Besseren beitragen. Wie dieser hoffentlich.

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  6. Berlingärtnerin sagt

    Danke für eure positiven Kommentare, über die ich mich sehr freue!

    Und so wie es aussieht, kommt auch wieder Bewegung in die Sache: Für den 14. November ist eine große Demonstration vieler Kleingärtner_Innen und Bürgerinitiativen unter dem Motto “Bürgerwillen achten, Grünflächen in Berlin erhalten” geplant.

    Ich werde berichten.

  7. Holger sagt

    Ich danke Dir für diese Herzblut-Zeilen. Eine Pflichtlektüre – nicht nur für alle Bezirks-Sozis!

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