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Geschenktipp: Hörbuch Charles Dudley Warner „Mein Sommer in einem Garten“

Hörbuch Mein Sommer in einem Garten

Hörbuch Mein Sommer in einem Garten

Brauchst du noch einen Geschenktipp für gärtnernde Freunde? Oder auch für dich selbst ein schönes Hörbuch für nette Stunden auf dem Sofa oder Unterhaltung im Auto? Dann empfehle ich Charles Dudley Warners „Mein Sommer in einem Garten“.

Ich habe dir aus dem Hörbuch (vielen Dank an den Hörbuchverlag der Diwan für das Rezensionsexemplar) ein paar meiner Lieblingspassagen zusammengestellt. Jetzt erst einmal viel Spaß mit Charles Dudley Warner und am Ende verrate ich dir mehr zu den Hintergründen dieses ungewöhnlichen Vergnügens.

„Wohl nichts anderes auf der Welt hat eine so beruhigende Wirkung und macht so zufrieden wie das Gärtnern. Auf die Größe des Gartens kommt es dabei nicht so sehr an, denn selbst das kleinste Fleckchen reicht ja sechstausend Kilometer in die Tiefe ins Erdinnere – wahrlich ein stattlicher Besitz! Doch es ist nicht der Besitz allein, der Freude beschert, sondern ebenso sehr die Bearbeitung des Bodens. Wer einen Garten bestellt hat, spürt, dass er der Welt etwas Gutes getan hat. Er darf sich zu den Erzeugern zählen. Es ist eine Wonne, die Früchte des eigenen Schweißes zu essen.

Binnen einer halben Stunde kann ich alles um mich herum vergessen; ich hacke mich richtiggehend hinaus aus dieser Welt, hinein in ein weites Feld, das keine Hindernisse kennt. Welch eine Beschäftigung, um die Gedanken schweifen zu lassen! Der Geist brütet, wie eine Henne auf ihren Eiern, man denkt nichts Konkretes, sondern vegetiert einfach vor sich hin, genau wie die Pflanzen um einen herum. Ich beginne zu spüren, mit welcher Freude sich die Rebe am Spalier emporrankt, ganz ähnlich dem Vergnügen, mit dem das Eichhörnchen den Baum hochflitzt. Wir haben alle von Natur aus etwas in uns, das nach Erdkontakt verlangt. In der Einsamkeit der Gartenarbeit tritt man in eine Art Gemeinschaft mit dem pflanzlichen Leben ein.

Es taucht die wichtige Frage auf: Was anpflanzen? Wenn man bedenkt, wie schwierig es schon ist, sich darüber klar zu werden, was man an einem bestimmten Tag auf den Mittagstisch bringen soll, dann kann man sich vorstellen, was es heißt, praktisch eine Vielzahl von Mahlzeiten auf einmal produzieren zu müssen! Falls der Garten nämlich keine endlose Steppe ist (meiner kommt mir manchmal allerdings so vor, wenn ich ihn an heißen Tagen hacke), muss man aus den vielen Gemüsen, die sich anbieten, notgedrungen eine Auswahl treffen.

Ich finde, es steht niemandem zu, einen Garten nur zum eigenen Vergnügen zu besitzen. Nicht Eigensucht sollte den Gärtner antreiben, sondern das Bestreben, seinem Nachbarn Freude zu bereiten. Ich jedenfalls wollte einen Garten, der allgemeine moralische Zustimmung findet. Also stellte ich mir vor, dass gegen Kartoffeln (ein höchst nützliches Gemüse) wohl niemand etwas einwenden könne, und begann großzügig zu pflanzen.

Doch weit gefehlt – der Chor der Protestierer war groß. »Sie werden doch Ihren kostbaren Platz nicht an Kartoffeln verschwenden!«, mahnten die Nachbarn. »Kartoffeln können Sie doch kaufen!« (Dabei wollte ich gerade vermeiden, etwas kaufen zu müssen!) – »Nehmen Sie lieber die leicht verderblichen Sachen, die man auf dem Markt nicht frisch bekommt.« – »Aber was für verderbliche Sachen denn?« Nun, ein ganz gewiefter Gartenexperte riet mir, anstelle meiner Kartoffelreihen Erdbeer- und Himbeerzeilen anzulegen. Erdbeerpflanzen hatte ich in einem anderen Teil des Gartens aber leider bereits um die fünfhundert Setzlinge. Dieser Beerenfanatiker hätte es wohl am liebsten gesehen, wenn ich mein ganzes Stück Land mit Kletter- und Kriechpflanzen zugepflastert hätte. Ich könnte bestimmt die ganze Nachbarschaft mit Erdbeeren versorgen, wenn ich wollte, und vielleicht wäre das nicht einmal das Schlechteste. Doch ich hatte mir außerdem ein kleines Beet für Melonen – Zuckermelonen – vorbereitet und zeigte es einem erfahrenen Freund. »Aber du wirst deinen Boden ja wohl nicht an Zuckermelonen verschwenden?«, meinte er besorgt. »Die werden in unserem Klima doch gar nicht reif, bevor der Frost kommt.« Er hatte es über Jahre erfolglos versucht. Daher beschloss ich, von einem so unklugen Experiment lieber die Finger zu lassen. Kurze Zeit später kam dann zufällig ein anderer Nachbar vorbei. »Ah! Ich sehe, Sie wollen Melonen pflanzen. Meine Familie könnte auf alles verzichten, nur auf die Zuckermelonen nicht – die Muskatsorte. Man kann überhaupt nichts Dankbareres auf dem Tisch haben.«

Da hatte ich es! Leider war kein Kompromiss möglich. Entweder Melonen oder keine Melonen – einen von beiden würde ich also vor den Kopf stoßen! Ich entschloss mich halb, sie ein wenig später zu pflanzen, um so beiden etwas den Wind aus den Segeln zu nehmen. Doch ich hatte das gleiche Problem leider auch bei den grünen Bohnen (die ich gar nicht mag), dem Kürbis (den ich einigermaßen mag), den Pastinaken und dem ganzen Grünzeug.

Ich bin daher eigentlich zu dem Schluss gekommen, dass man sich als Gärtner am besten überhaupt nicht hineinreden lässt. Hätte ich mich an die schönen Ratschläge meiner Freunde gehalten, hätte ich heute wohl nichts im Garten außer Unkraut.

Hörbuch aus dem Diwan Hörbuchverlag von Charles Dudley Warner "Mein Sommer in einem Garten"

Hörbuch aus dem Diwan Hörbuchverlag von Charles Dudley Warner „Mein Sommer in einem Garten“

Obstbäume und Schatten ist auch so ein Thema. Manche behaupten, Bäume werfen zu viel Schatten und behindern das Wachstum der Pflanzen. Da mag etwas dran sein. Doch wenn ich mich die Kartoffelreihen entlangarbeite, wenn die Sonnenstrahlen auf dem blanken Blatt der Hacke blitzen und der Schweiß mir vom Gesicht tropft, wäre ein bisschen Schatten alles andere als schlecht. Wofür ist ein Garten denn da? Zur Freude des Menschen, denke ich doch. Und die ist in einem schattigen Garten bestimmt viel größer. Soll ich mich etwa opfern, kochen, rösten lassen, nur damit ein paar Pflanzen noch kräftiger werden? Wie absurd! Wäre ich wohlhabend genug, würde ich ein Sonnenzelt über meinen Garten spannen lassen. Dann wäre das Arbeiten angenehm.

Lohnt sich ein eigener Garten? Ich halte mich eigentlich nicht für verpflichtet, die Frage zu beantworten. Es ist so schwierig zu definieren, was »sich lohnen« eigentlich heißt. Eine verbreitete Vorstellung besagt, dass man besser die Finger von etwas lässt, wenn es sich nicht lohnt; ja, ich möchte fast meinen, dass die öffentliche Meinung einem am liebsten auch noch verbieten würde, ein Hobby zu betreiben, das sich nicht lohnt. Und die öffentliche Meinung ist stärker als die Gesetzgebung und fast so stark wie die Zehn Gebote. Wenn ich es mir bedenke, könnte man ebenso gut fragen: Lohnt sich denn ein Sonnenuntergang? Oder ob es sich lohnt, Hühner zu halten oder einen Traber, einen Goldring zu tragen, den Rasen zu pflegen oder regelmäßig zum Friseur zu gehen. Die Antwort liegt ganz im persönlichen Ermessen. In einem gewissen Sinn ist schon der Gedanke an die Frage, ob der Garten sich lohnt, eine Profanisierung, ebenso der Versuch, dem Vergnügen an ihm einen Geldwert beizumessen. Ich fürchte, man kann es überhaupt nicht in Geld ausdrücken.

Wer sich einen Garten zulegt, ist ein Sklave, ein erbarmungslos Gejagter. Über Nacht schon ist das Unkraut da. Es leuchtet und wogt in blühendstem Leben.

Wenn der Mensch die Achtzig erreicht, weiß er, dass er inmitten von Beschränkungen lebt und dass seinen persönlichen Kräften eine natürliche Grenze gesetzt ist. Je weiter er die Jugend hinter sich lässt, desto stärker wachsen die Zweifel an der eigenen Fähigkeit, das Böse zu besiegen und Missstände zu beseitigen, und er beginnt zu ahnen, dass auch nach ihm noch viel zu tun bleiben wird. Im Frühjahr betrat ich meinen Garten voller Optimismus, nicht im mindesten zweifelnd, dass es ein Leichtes sein würde, des Unkrauts Herr zu werden. Inzwischen ist mir klar, dass eine Einrichtung, die mindestens sechstausend, ja ich glaube eher sechs Millionen Jahre alt ist, nicht in einer einzigen Saison aus der Welt zu schaffen ist. Wir haben die Wälder niedergemacht und die wilden Tiere besiegt. Doch die Natur ist damit noch lange nicht domestiziert. Sie ändert nur ihre Taktik – setzt gleichsam feineres Kriegsgerät ein. Sie schickt nun – im Naturzustand gänzlich unbekannt – eine Vielzahl von Insekten und Würmern sowie allerlei Schädlinge und Unkraut ins Feld, um den Kulturpflanzen des Menschen das Leben schwer zu machen. Und wenn wir glauben, die Schlacht sei endlich gewonnen, eilen flugs die Vögel des Himmels herbei und schnappen uns die schon sicher geglaubte Beute doch noch weg. Kampfesmüde wird nur der Mensch; die Natur bleibt so frisch und kampfbereit wie eh und je. Wir machen wohl den Fehler, Dinge anzubauen, die schlecht zum Boden passen. Wenn wir uns auf den Anbau von Unkraut konzentrieren würden, wären wir überhaupt nicht zu schlagen.

Ein Garten sollte für den Winter ebenso vorbereitet werden wie für den Sommer. Bis der Wind hart auf Nordwest dreht und voller Angriffslust tief und suchend über den Boden fegt, ganz anders als das verspielte Brausen der frühherbstlichen Stürme, sind die Erdbeeren unter ihrem Laubdeckchen versteckt, die Reben geschnitten, die zarten Pflanzen zusammengebunden und die Obstbäume um die Wurzeln herum gut mit Nahrung versorgt. Der Wintergarten, sehe ich, ist voll blühender Pflanzen, die es dort immer Sommer sein lassen. Die Kallas um den Springbrunnen herum werden zu Weihnachten blühen – die Pflanze scheint insgeheim den ganzen Sommer über an diesen Feiertag zu denken. Ich schließe im Vorbeigehen die Außenfenster und beglückwünsche mich, dass wir für den Winter gerüstet sind.“

Mehr dann im Hörbuch… (Hörprobe siehe Link zum Verlag)

Charles Dudley Warner war Journalist, Schriftsteller, Präsident der American Social Science Association, leidenschaftlicher Amateurgärtner und Freund von Mark Twain. Mit ihm schrieb er auch den Roman ‚The gilded age‘ – ein Sittengemälde der Vereinigten Staaten zu der Zeit. Er lebte von 1829 bis 1900 in Neuengland.

Die Freuden und Sorgen im Beet haben sich seitdem nicht wirklich verändert, oder? Ich habe jedenfalls am Anfang nicht bemerkt, dass der Text rund 150 Jahre alt ist. Ich habe herzhaft gelacht, über manche der Gartenphilosophien lange sinnieren können und mich absolut wiedergefunden.

Charles Dudley Warner

Mein Sommer in einem Garten

der Diwan Hörbuchverlag

3 CDs, 170 min Spielzeit

14,80 €

ISBN 978-3-941009-14-1

Originaltitel: My Summer in a Garden

First published in 1870 by James R. Osgood & Co., Boston

4 Kommentare

  1. Vor allem der letzte Absatz in ´deinem Auszug hat mich persönlich angesprochen. Obwohl oder gerade weil Dudleys gärtnerischen Erkenntnisse fast 150 Jahre alt sind, zeigen seine Betrachtungen …es hat sich nichts verändert am menschlichen Bemühen, „das Böse“ zu besiegen bzw. „Böses“ zu tun. Man könnte resignieren…allerdings einen Garten als Schlachtfeld zu betrachten zeigt dann doch, dass der Text aus einer anderen Zeit stammt.
    Wir müssen unsere Taktik ändern…die Natur nicht als unseren Gegner betrachten, sondern mit ihr arbeiten und nicht gegen sie..
    Danke für die Anregung, ich habe gerade Audible entdeckt, mal sehen, ob die den im Programm haben. Andererseits höre ich da schon mehrer Bücher gleichzeitig…bin also voll ausgelastet. Danke für’s Vorstellen.
    LG Sisah

    • Berlingärtnerin sagt

      Gern, liebe Sisah, ich höre Bücher ja immer beim Autofahren, einer Tätigkeit, die ich sonst als komplette Lebenszeitverschwendung betrachten würde.

  2. Steffi Guthmann sagt

    Schon die Sprache ist ein Genuss, und dann noch unser aller (behaupte ich mal frech) Lieblingsthema… Die Amerikaner treffen ihn einfach gut – den Plauderton. Danke Dir für diesen tollen Tipp, Xenia!

    • Berlingärtnerin sagt

      Im Hörbuch wird der Ton teilweise ganz schön pointiert – insbesondere, wenn sich der Gärtner über die Unbekümmertheit (er würde es „Unbedarftheit“ nennen) der mitgärtnernde Gemahlin äußert 🙂

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